386DX: Die erste Cyberpunk-Band der Welt
Armin Medosch
Alexeij Shulgin am Weg vom Medienkunstler zur Rock-Ikone.
(from http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/sa/3413/1.html)
Abschlussabend der "Wizards of OS"-Konferenz. Im
Berliner Club WMF bietet sich ein seltsamer Anblick: Der ehemalige Fotograf und
Netzkunstler Alexeij Shulgin steht auf der Buhne; wie eine E-Gitarre umgehangt
hat er eine Computertastatur; mit weit ausholenden Armbewegungen streichelt er
die Tasten; auf einer Projektionsflache flimmern
"Computeranimationen", die asthetisch mehr mit fruhen Amiga 512- oder
gar C64-Sprites zu tun haben als mit heute gewohnten Standards von
Club-Visuals; die Club-Lautsprecher geben einen merkwurdigen "Sound"
von sich - es sind bekannte Rock-Hits, ob von The Doors, Nirvana oder den Sex
Pistols. Doch gespielt werden sie vom eigentlichen Star des Abends, einem PC
mit einem 386DX-Chip, getaktet mit 40MHZ.
Shulgins Armbewegungen sind eigentlich bloss optische
Unterstutzung des Live-Charakters seines Gigs, denn spielen tut der Computer
alles vollig von alleine. Was er mit dem Druck auf die Funktionstasten seines
Keyboards verandert, sind Parameter der visuellen Begleitung - mal Linien mit
Moire-Effekt (immer wieder gut), dann Kreise, Farbbalken, Flachen, Dreiecke.
Den musikalischen Teil erledigt eine Soundblaster-Karte alteren Modells mit
einem integriertem Midi-Sequenzer und einem Text-to-speech-Modul, das auch
singen kann. Damit kann 386DX guten Gewissens "die erste
Cyberpunk-Band" genannt werden. Sicherlich, fast alle Musik wird heute
elektronisch/digital produziert und moglicherweise basteln Tausende am eigenen
PC mit ahnlichen, von Creative Labs herausgegebenen Tools herum. Doch niemand
hat bisher, so wie Shulgin, daraus eine konzeptuelle Cyberpunk-Band gemacht.
Begonnen hat die Geschichte von 386DX vor etwas mehr als
einem Jahr. Shulgin war der Netzkunst (eigentlich musste man sagen
"net.art", weil damit praziser eine bestimmte Gruppierung bezeichnet
wird) mude. Seiner Meinung nach stellt das Internet nur eine limitierte Anzahl
von Moglichkeiten fur Kunstler zur Verfugung und diese seien von den
Net.artists bereits hinlanglich ausgelotet worden. Seither gabe es laut Shulgin
zwar alle paar Monate einen neuen Hype, doch dieser beschranke sich darin, da?
unter den Kunstlern eine neue Technologie Verbreitung findet. "Im Vorjahr
war Netzradio ganz gross", sagte er, "nun ist es Video-Streaming oder
Direct Media". Shulgin wollte jedenfalls etwas ganz anderes machen und kam
auf die Idee, mit einem Computer als eine Art Strassensanger aufzutreten.
Daher die Notwendigkeit zur Verwendung der billigstmoglichen
Technologie. Das Gehause des musikalisch begabten DX sieht dann auch wirklich
wie das eines abgearbeiteten Ex-Burocomputers aus: ein leicht ergrautes,
schmutziges Hellbeige, Slots fur Festplatte und Diskettenlaufwerke, an denen
sicherlich schon mehrmals ein- und ausgebaut wurde. Ware der Computer nur etwas
langsamer, konnte er die Aufgabe nicht mehr bewaltigen, aber auch so kommt er
manchmal aus dem Takt. Das gro?te Problem war die Synchronisation der
Midi-Files mit dem Gesang aus dem Text-to-speech-Modul, es hat viel
Fummelarbeit gekostet, bis diese so einigermassen klappte. Doch manchmal laufen
auch heute noch bei den Live-Gigs Instrumental- und Gesangspur auseinander.
Diese Low-Tech-Haltung verknupft mit DIY-Anspruch ist fur Shulgin eine
Botschaft, die er vor allem an die Medienkunst-Community zuruckgeben will, die
nach immer teurerer Hardware schielt und ohne eingekaufte Profi-Programmierer
nicht mehr weit zu kommen scheint. Diese Kritik ist zwar nicht neu, aber
jedenfalls ein Punkt, der immer wieder gemacht werden kann, solange die
entsprechende Praxis weitverbreitet ist.
Die Existenz der Cyberpunk-Band verdankt sich einem
Zufallsfund. Shulgin verfugte uber eine etwas mehr als drei Jahre alte
Soundblaster-Karte. Unter der mitgelieferten Software befand sich eine Demo fur
das singende Text-to-speech-Modul, aber kein Helpfile mit Erklarungen zur
Verwendung der Parameter. Erst nach langerem Suchen fand Shulgin besagtes
Helpfile auf der Web-site von Creative Labs, das zwar nicht mehr verlinkt war,
aber durch Herumstobern hinter den Index-Seiten doch noch aufgerufen werden
konnte. Auch alles andere, was zur "Bandgrundung" notig war, fand
Shulgin im Internet: Midi-Files bekannter Rock-Klassiker, Noten, Songtexte.
Diese Benutzung des Internet als Ressource is durchaus "konzeptuell"
im Sinne Shulgins. Fur ihn ist es wichtig, dass alles "Sample, Second
hand, Zitat ist, von der Hardware bis zur Software".
Bei einem erstem Konzert in seiner Heimatstadt Moskau fehlte
noch die visuelle Ebene. Doch Shulgin merkte, dass das reine Abspielen von
Songs vom Rechner das Publikum kalt la?t. Deshalb machte er sich erneut auf
Internet-Suche und fand ein Stuck Shareware, das von Midi-Files beeinflussbare
Grafiken erzeugt.
Um das Rockband-Konzept perfekt zu machen, befindet sich
Shulgin nun auf einer ausgedehnten Konzert-Tournee. Er will nicht, da? seine
Konzeptband nur innerhalb der Medienkunstszene agiert. So konnte man ihn nach
Berlin auch noch in Bristol und anschliessend gleich bei drei Konzerten in
London erleben: In einem Internet-Cafe, bei einer Party in der
"Foundry" und zuletzt bei der famosen "Articultural Show"
an der Southbank vor der Royal Festival Hall. Weitere Konzerte werden folgen,
denn dem Konzept einer echten Band nach muss sich 386DX muhsam einen Weg nach
oben - zum Rock-Ruhm - erspielen, wie jede andere junge, unbekannte Band. Entsprechend
auch die Uberlegungen zur Vermarktung: Zwar will die Londoner Institution Artec
das Projekt unter die Fittiche nehmen, eine CD soll produziert werden, doch
vertrieben werden soll sie von einem "echten" Musik-Label.
Doch da konnte sich ein Problem ergeben - die Musik selbst. Bei Konzerten ist 386DX eine hochst amusante Angelegenheit. Die Cover-Versionen bekannter Rocksongs erzeugen einen Anflug von Euphorie, die jedoch dadurch gedampft wird, da? der Klangraum sehr nach integriertem Midi-Sequenzer klingt, was nicht so wahnsinnig "rockt". Live erzeugt das, auch noch verstarkt durch die visuelle Ebene, eine interessante Spannung zwischen Euphorie und Ironie, zwischen fortgezogen werden und sich doch wieder distanzieren. Bei fortschreitendem Abend und eventuell unterstutzt durch das eine oder andere alkoholische Getrank kann das zu sehr emotionalen Ergebnissen fuhren, von Heiterkeit bis zur Melancholie bis zur Ausgelassenheit. Vor allem Liebhaber von Retro-Digitalasthetik werden ausgesprochen entzuckt sein. Doch auf der CD in der Heimanlage stellt sich von all dem wenig ein.